Ausbildung statt Studium: Warum junge Menschen umdenken und was das für Handwerksbetriebe bedeutet
Vor zehn Jahren war die Sache für viele Abiturienten klar: erst der Bachelor, dann vielleicht noch der Master, und irgendwann ein Bürojob mit Aussicht auf Aufstieg. Diese Selbstverständlichkeit bröckelt gerade sichtbar. Laut der Studie „Ausbildungsperspektiven 2026" der Bertelsmann Stiftung können sich inzwischen 76 Prozent der Jugendlichen eine Ausbildung vorstellen, aber nur noch 66 Prozent ein Studium. Zum ersten Mal liegt die Ausbildung in der Gunst der jungen Generation vorn.
Für Handwerksbetriebe ist das eine der wichtigsten Nachrichten des Jahres – vorausgesetzt, sie wissen, was damit anzufangen ist. Denn parallel zu diesem Stimmungswandel bleiben laut Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) rund 19.000 Lehrstellen im Handwerk unbesetzt. Das Interesse wächst, aber es kommt bei den Betrieben noch nicht an. Genau dazwischen liegt die Chance.
Der Kurswechsel: Zahlen, die man ernst nehmen sollte
Der Trend zeigt sich nicht nur in Umfragen, sondern auch in den amtlichen Statistiken – wenn auch mit einer Nuance, die man kennen sollte. Bundesweit sank die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge 2025 laut Statistischem Bundesamt auf rund 461.800, ein Rückgang von 2,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das klingt zunächst nach einer schwachen Bilanz für die duale Ausbildung.
Das Handwerk lief dieser Entwicklung jedoch entgegen: Mit 135.540 neuen Ausbildungsverträgen schloss die Branche 2025 sogar 488 Verträge mehr ab als im Jahr davor. Während andere Wirtschaftsbereiche schrumpften, hielt sich das Handwerk stabil – ein Indiz dafür, dass die wachsende Sympathie für praktische Berufe tatsächlich bei den Betrieben ankommt, die etwas Sichtbares anzubieten haben.
Gleichzeitig zeigt die Bertelsmann-Studie, dass 90 Prozent der aktuellen Auszubildenden mit ihrer Ausbildung zufrieden sind und neun von zehn sich wieder dafür entscheiden würden. Wer eine Lehre beginnt, bereut das selten. Dieses positive Feedback aus der eigenen Zielgruppe wirkt stärker als jede Imagekampagne – vorausgesetzt, es wird sichtbar gemacht.
Warum junge Menschen der Ausbildung wieder trauen
Drei Motive tauchen in aktuellen Befragungen immer wieder auf, und sie erklären, warum ausgerechnet das Handwerk von der Trendwende profitiert.
Sicherheit vor Selbstverwirklichung. Für vier von fünf Auszubildenden ist die Jobsicherheit das entscheidende Kriterium bei der Berufswahl, nicht die Leidenschaft für ein bestimmtes Fach. Nach Jahren wirtschaftlicher Unsicherheit, Inflation und Kurzarbeit in einigen Industriezweigen wirkt ein handfester Beruf mit klarer Perspektive attraktiver als ein Studienfach mit ungewissem Berufseinstieg.
Die Angst vor der künstlichen Intelligenz. Ein Motiv, das vor drei Jahren in keiner Umfrage auftauchte, gehört heute zu den stärksten Treibern: die Sorge, dass generative KI Bürojobs verdrängt. Handwerksberufe gelten dagegen als vergleichsweise KI-resistent, weil sie praktisches Können, Vor-Ort-Präsenz und Handarbeit erfordern. Genau das ist der Markenkern von echte.jobs – Jobs, die kein Algorithmus ersetzen kann – und genau das beginnt jetzt auch bei jungen Menschen anzukommen.
Frust mit dem Studienalltag. Rund ein Drittel aller Studierenden beendet das Studium ohne Abschluss. In Fächern wie Informatik oder Mathematik liegt die Abbruchquote laut Profiling-Institut sogar bei über 40 Prozent. Prüfungsdruck, fehlender Praxisbezug und die Erkenntnis, das falsche Fach gewählt zu haben, treiben viele zurück in Richtung praktischer Ausbildungswege – oft mit Verzögerung, aber mit klarerem Kopf.
Das Paradox: Mehr Interesse, aber offene Werkbänke
So ermutigend der Stimmungsumschwung ist, er löst das eigentliche Problem der Betriebe nicht automatisch. Laut Schätzungen des ZDH sind aktuell zwischen 200.000 und 250.000 Stellen im Handwerk unbesetzt, ein Großteil davon in Berufen wie Steinmetz, Bäckerei, Gastronomie sowie im Hoch- und Tiefbau. Die Bertelsmann-Studie liefert dazu eine unbequeme Erklärung: Betriebe legen bei der Auswahl oft zu viel Gewicht auf Schulnoten und zu wenig auf Motivation und praktische Fähigkeiten. Wer nur nach Zeugnisdurchschnitt sortiert, sortiert einen Teil der eigentlich interessierten Bewerber gleich mit aus.
Hinzu kommt ein Sichtbarkeitsproblem. Junge Menschen informieren sich heute nicht mehr über Aushänge im Schaufenster oder die Berufsberatung allein – rund ein Viertel nutzt bereits Social Media zur Berufsorientierung, mit Instagram, TikTok und YouTube als wichtigsten Kanälen. Ein Betrieb, der dort nicht auftaucht, existiert für einen wachsenden Teil der Zielgruppe schlicht nicht.
Was Handwerksbetriebe jetzt konkret tun können
Die gute Nachricht: Die Nachfrage ist da. Die Aufgabe der Betriebe besteht darin, die Hürden zwischen Interesse und Bewerbung abzubauen.
Bewerbungskriterien überdenken. Statt Schulnoten als erstes Filterkriterium zu nutzen, lohnt sich ein Blick auf Motivation, Zuverlässigkeit im Praktikum und praktisches Geschick. Längere Schnupperpraktika oder die assistierte Ausbildung mit zusätzlicher Unterstützung öffnen den Zugang für Bewerber, die auf dem Papier schwächer aussehen, in der Werkstatt aber überzeugen.
Dort sichtbar werden, wo Jugendliche tatsächlich suchen. Ein aktuelles Stelleninserat auf einer spezialisierten Plattform bringt mehr als eine Anzeige, die in einem allgemeinen Jobportal zwischen hunderten Bürojobs untergeht. Ergänzend lohnen sich kurze, authentische Einblicke in den Arbeitsalltag auf Social Media – kein aufwendiges Imagevideo, sondern echte Szenen aus der Werkstatt.
Die eigene Zufriedenheit sichtbar machen. Mit 90 Prozent Zufriedenheit unter aktuellen Azubis haben Handwerksbetriebe ein Argument, das viele Studiengänge nicht liefern können. Testimonials von eigenen Auszubildenden, kurze Videostatements oder Zitate auf der Stellenanzeige wirken glaubwürdiger als jedes Werbeversprechen.
Sicherheit und Zukunftsfestigkeit klar kommunizieren. Wenn Sicherheit das wichtigste Auswahlkriterium ist, sollte eine Stellenanzeige genau das beantworten: Wie sieht die Übernahmequote aus? Welche Weiterbildungswege gibt es nach der Lehre? Ist der Beruf durch KI bedroht oder gerade deshalb gefragt? Wer diese Fragen von sich aus beantwortet, nimmt Bewerbern die Unsicherheit, die sie sonst zurück ins Studium treiben könnte.
Frühzeitig und mehrgleisig ansprechen. Der Wettbewerb um gute Bewerber beginnt heute vor dem Schulabschluss. Kooperationen mit Schulen, Praktikumsangebote ab der neunten Klasse und eine kontinuierliche Präsenz auf den passenden Kanälen zahlen sich über mehrere Jahrgänge hinweg aus, nicht erst im Bewerbungsherbst.
Fazit
Der Trend zur Ausbildung ist real, aber er ist kein Selbstläufer. Junge Menschen trauen dem Handwerk wieder mehr zu als noch vor wenigen Jahren – aus Sicherheitsbedürfnis, aus Sorge vor der KI und aus Frust mit dem Studienalltag. Ob daraus tatsächlich mehr Auszubildende in der eigenen Werkstatt werden, hängt davon ab, ob Betriebe dort sichtbar sind, wo gesucht wird, und ob sie Bewerber nach Potenzial statt nach Notendurchschnitt auswählen. Die Nachfrage ist da. Jetzt zählt, wer sie zuerst erreicht.
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Quellen:
- Bertelsmann Stiftung: Ausbildungsperspektiven 2026
- Statistisches Bundesamt (Destatis): Pressemitteilungen zu Studierenden- und Ausbildungszahlen 2025/2026
- ZDH – Zentralverband des Deutschen Handwerks: Fachkräftesicherung im Handwerk
- Profiling-Institut: Studienabbruchquoten nach Fach 2025